„Voraussetzung für eine solche Arbeit ist Offenheit“: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der FBS im „Kinder Willkommen“-Projekt erhielten Zertifikate



Ab August ist es so weit: Dann statten erstmals geschulte Ehrenamtliche in Köln Familien mit Neugeborenen einen Besuch ab. Diese Besuche finden statt im Rahmen des Projekts „Kinder Willkommen“ (KiWi), das der Stadtrat im vergangenen November beschlossen hatte. Es sieht vor, den Familien mit Neugeborenen den Besuch eines/einer geschulten Ehrenamtlichen anzubieten. Dabei sollen alle Neu-„Bürger/innen“ mit einer kleinen Aufmerksamkeit begrüßt werden – vorgesehen sind zur Zeit Söckchen und Tickets für ein „Baby-Konzert“ in der Kölner Philharmonie. Insbesondere aber soll das Informationsmaterial, das die Eltern erhalten, einen guten Start des Neugeborenen und der jungen Familie in ihren neuen Lebensabschnitt fördern helfen. Die ausgehändigten Unterlagen informieren über Beratungs- und Hilfsangebote, enthalten unter anderem Adressen städtischer Einrichtungen und freier Angebote, von Ärzten oder sozialen Einrichtungen wie etwa von Eltern-Cafés oder Eltern-Kind-Spielgruppen in der Nähe des jeweiligen Wohnorts.

Jährlich rund 1.000 Neugeborene in der Kölner Innenstadt und Deutz
Laut Statistik kommen in Köln jährlich 10.000 Kinder zur Welt. Da macht es Sinn, dass sich sieben freie und kirchliche Träger der Jugend- und Sozialhilfe sowie der Familienbildung diese Besuchs-Aufgabe in den neun Stadtbezirken Kölns teilen. Einer der Träger ist die Evangelische Familienbildungsstätte Köln (FBS) mit Sitz am Kartäuserwall. Sie organisiert die Besuche im Stadtbezirk 1, Bereich Innenstadt und Deutz. Um die Begrüßung der in der Kölner City rechts- und linksrheinisch jährlich erwarteten rund 1.000 Neugeborenen kümmern sich zunächst zwölf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der FBS. Nach über zwei Monaten mit 45 Stunden Schulung sehen sie ihrer Aufgabe freudig entgegen. So jedenfalls lautete der Tenor bei der Vergabe der Zertifikate in der FBS. Bei einem kleinen „Festakt“ dankten Silvia Hecker, Leiterin des KiWi-Projekts in der FBS, sowie Sabine Marx, die seitens der FBS die einzelnen Besuche koordiniert, den Damen noch einmal für ihre Bereitschaft.

„Voraussetzung für eine solche Arbeit ist Offenheit“
Unter den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der FBS finden sich Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Erzieherinnnen. Viele von ihnen sind selbst Mutter, einige haben bereits Enkel. „Neben ihrer elterlichen, familiären und fachlichen Kompetenz weisen sie eine hohe soziale Kompetenz auf, sind auch auf anderen Gebieten ehrenamtlich tätig“, freut sich Hecker über die Zusammensetzung des Teams. Die Mitarbeiterinnen wurden in Schulungen intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet. Geprägt waren diese unter anderem vom Kennenlernen unterschiedlicher Lebenslagen junger Familien. Es wurde informiert über Angebote für junge Familien vor Ort, im Stadtbezirk. Es ging um die Grundlagen, aber auch die Risiken für eine positive Entwicklung von Kindern; um die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung. Ein weiteres wichtiges Thema, so Hecker, sei angesichts der zahlreichen Familien mit Migrationshintergrund die Interkulturalität. „Unsere Mitarbeiterinnen, von denen eine italienischer Herkunft ist, haben sich damit beschäftigt, wie Menschen aus anderen Kulturen und mit anderen Religionen leben, welche anderen Erziehungsstile sie pflegen.“ Außerdem wurde den Mitarbeitenden vermittelt, nicht ihre eigene Einstellung, ihren eigenen Erziehungsstil als Maßstab zu nehmen. „Voraussetzung für eine solche Arbeit ist vielmehr Offenheit. Das gilt auch für die von uns geschulte Gesprächsführung. Dazu gehören ganz wesentlich das Zuhörenkönnen und Eingehen auf den Gesprächspartner“, betont Hecker.

In puncto Kinderfreundlichkeit besteht in Köln noch „viel Handlungsbedarf“
„In meiner damaligen Situation als junge Mutter hätte ich mir einen solchen Besuch und Unterstützung gewünscht“, nennt eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen im FBS-Team ihre Motivation. Eine Kollegin will etwas zur Kinderfreundlichkeit der Großstadt Köln beitragen. „Hier besteht noch viel Handlungsbedarf“, stellt die dreifache Mutter fest. Zum Kreis der Ehrenamtlichen zählt auch eine Erzieherin und Tagesmutter. Die zweifache Mutter, die zudem in der Bereitschaftshilfe für ein Kinderheim tätig ist, sieht ihre KiWi-Besuche als weiteren Baustein in der Vielfalt ihrer erzieherisch-betreuerischen Tätigkeiten und Erfahrungen. „Davon versuche ich etwas weiter zu geben.“ Die wenigsten stört es dabei, dass sie junge Eltern in ihrem Bezirk, vielleicht sogar in ihrer direkten Nachbarschaft besuchen. „Das sehe ich eher als Vorteil. Die Wege sind kürzer, und wenn man sich mal auf der Straße wieder sieht, ist das doch eher schön“, so eine Mitarbeiterin.

Wertschätzung und Freude über die Geburt der kleinen „Mitbürger/innen“
Natürlich sind die Besuche immer freiwillig. Der Ablauf sieht etwa folgendermaßen aus: Den jungen Familien wird schriftlich das Besuchs-Angebot einer KiWi-Mitarbeiterin gemacht. Wenn die Eltern das freiwillige Angebot nicht ablehnen, kommt ein Termin zustande. Jede Mitarbeiterin – die sich entsprechend ausweist – wird zunächst rund vier Hausbesuche im Monat übernehmen. Besucht wird selbstverständlich „unabhängig vom sozialen Status der Eltern“. Denn Ziel des Projekts ist es in erster Linie, Wertschätzung und Freude über die Geburt der kleinen „Mitbürger/innen“ zu vermitteln – und dann natürlich auch Hilfe, falls das gewünscht oder notwendig wird. Keineswegs aber soll KiWi als eine Kontrollmaßnahme verstanden werden. Auf der anderen Seite gilt aber auch: „Die Mitarbeitenden werden mit ihrer Aufgabe nicht alleine gelassen“, betont Hecker. Regelmäßige Treffen sollen einen Austausch über deren praktische Erfahrungen ermöglichen. Dabei wird durch eine Diplom-Psychologin fundierte Supervision und Reflexion gewährleistet.

Weitere ehrenamtlich MItarbeitende gesucht – gerne Männer
Für die Zukunft sucht die FBS weitere Ehrenamtliche, die solche KiWi-Besuche übernehmen möchten. „Das dürfen gerne auch Männer sein“, betont Hecker. Voraussetzung ist ein Alter ab zwanzig Jahren. Erwünscht sind eigene Erfahrungen in Erziehungsfragen als Elternteil oder Fachkraft. Förderlich sind Kenntnisse der Sprache und Kultur der zu besuchenden Familien mit Migrationshintergrund. Interessierte richten ihre Anfrage bitte an Sabine Marx in der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln: marx@fbs-koeln.org .

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Broich